Nr. 57 - 12. September 2003

   

Fast zu perfekt

Lassen Sie mich heute noch ein wenig schwärmen vom gestrigen Halbfinalspiel der Junx. Natürlich soll man den Tag nicht vor dem Abend loben, aber das gestrige Spiel, vor allem die erste Halbzeit, war mal wieder vom Allerfeinsten. Immer, wenn es darauf ankommt, wenn der Druck besonders groß scheint, ist diese Mannschaft zu besonderen Leistungen fähig. „Fast zu perfekt“, war meine Halbzeiteintragung gestern in mein Notizbuch. So war es wirklich. Fehlerfrei, allesamt auf der Höhe ihres Könnens, perfekt herausgespielte Tore. Hockey vom feinsten.

Ich möchte, weil der tolle Live-Ticker so etwas nicht so wieder geben kann, noch ein wenig zu den Einzelleistungen sagen. Clemens Arnold wieder einmal der große Rückhalt, vor allem in der etwas schwächeren Phase unseres Spiels 20 min nach Wiederbeginn der 2. Halbzeit. Da ließ er nichts anbrennen. Sein bestes Spiel bei der EM absolvierte gestern Philipp Zeller. Hervorragend im Spiel nach vorn, gute Pässe, gutes Auge dabei. In der Abwehr unüberwindlich und hoch konzentriert immer im richtigen Moment vor seinem Gegenspieler. In der Innenverteidigung war das Fehlen Hupes kaum zu merken. Wesa hat ja schon das Fehlen von Florian Kunz in der Vorbereitung hervorragend kompensiert und sich aktiv in das Spiel nach vorn eingeschaltet. So auch hier. Unglaublich, wie souverän der 21-Jährige aufspielt. Auch Flocke wieder ganz der Alte. Die Abwehr voll im Griff, immer wieder kluge Schlenzer nach vorn oder passgenaues langes Zuspiel. Hoffen wir, dass im Endspiel auch seine Eckenstärke wieder zum Durchschlag verhilft (gestern hatten wir insgesamt nur eine, die in der Ablage von Zells verwandelt wurde). Hinten links unglaublich stark gestern Dr. Green. „Nicht foulen, ich komme“, eine seiner Ansagen gestern im Spiel zu seinen Mitspielern. Sekundenspäter war der Ball sauber aus dem Schläger seines Gegenspielers gespielt. Er müsste mal Darsteller eines Lehrfilms für alle Verteidiger sein, wie es gelingt, ohne Schlägerkontakt den richtigen Moment abzupassen, um den Ball dem Gegenspieler wegzustechen oder aus dem Schläger zu spielen.
In der Abwehr hilft auch unser Mittelfeldmann Buddy Biederlack aus, dessen hervorragendes Turnierspiel ich ja schon vor ein paar Tagen gelobt habe. Er hat sich seit seinem Debüt im A-Team kontinuierlich entwickelt. War er anfangs immer noch mal für einen Ballverlust gut, hat er sich in den beiden letzten Jahren viel von Christoph Eimer abgesehen und sichert wie er die Bälle und bringt sie hervorragend wieder ins Spiel. Unnachahmlich sein Blick für „Leo“, den durchgelassenen Ball zum entfernt auf der Balllinie besser stehenden Mitspieler.
Dass Christoph Eimer mein Lieblingsspieler ist, weil er perfekte Technik mit hoher Spieleffizienz vereint, habe ich hier oft besungen. Im Turnier war es bisher nicht fehlerfrei. Von den Prüfungsbelastungen (schriftliches Staatsexamen unmittelbar vor der EM, mündliches am Montag) kann man sich einfach nicht völlig frei machen. Aber gestern war er wieder ganz der Alte, der Regisseur, der Spiellenker, der verlängerte Trainerarm.
Tibor Weissenborn spielt hier Spiel für Spiel ein Riesenturnier. Der 22-jährige Sportstudent mit seinen inzwischen 171 Länderspielen bringt seine ganze Erfahrung ein und ist unentwegter Motor. Unglaubliche Wege legt er zurück, bringt immer wieder größte Gefahr in den gegnerischen Schusskreis und versteht sich auf der rechten Bahn glänzend mit den Stürmern dort, vor allem Björn Michel.
Im Mittelfeld auch ein stabiler Faktor Max Landshut, der ein paar Spiele pausieren musste, aber dann, wenn er dabei ist, immer volle power bringt. Sowohl nach vorn als auch nach hinten. Eine Überraschung für Sie ist sicherlich, dass im Mittelfeld seit der Verletzung von Hupe und Emmel auch Sascha Reinelt eingesetzt ist. Durch seine Schnelligkeit ist er ja nicht nur nach vorn ungemein gefährlich (wenn er ablegen kann und nicht selbst die Hütte machen muss), er setzt auch immer wieder nach hinten nach und läuft viele Bälle einfach dem Gegner aus dem Schläger. Er spielt hier jetzt sowohl im Mittelfeld wie im Sturm und beides mit hohem Engagement und fast fehlerlos.

Stürmer die den Namen verdienen

Unsere Stürmer verdienen diesen Namen wirklich zu recht. 20 der 26 Tore sind Stürmertore, ganz vorn Björn Michel mit 8 Turniertoren und inzwischen deren 207 international. Zusammen mit Bechi wurde er gestern vor Spielbeginn für sein 300. Länderspiel und Bechi für sein bereits in Krefeld gegen die Schweiz absolviertes 250. Länderspiel vom DHB-Präsidenten Wüterich und dem neuen EHF-Präsidenten Leandro Negre geehrt. Für das 250. gibt es übrigens eine goldene Uhr mit Gravur (für das 300. sieht die DHB-Ehrenordnung offiziell gar nichts vor).
Björn ist wirklich ein Phänomen. Das ganze Jahr über sah es gar nicht so gut bei ihm aus, die Konzentration auf das 2. Staatsexamen nahm doch viel Zeit in Anspruch. Aber hier ist wieder topfit. Unheimlich sicher in der Ballannahme und in jedem Spiel mit mindestens einem Tor dabei. Einfach super sein Stechertor in der 4. Spielminute. Fast genauso torgefährlich Bechi. Vier bisher im Turnier, 138 insgesamt. Alle vier Turniertore typische „Bechis“, schlitzohrig, ein Genuss für die Zuschauer. Gestern kam er von rechts, die Grundlinie entlang Richtung Tor. Alle Welt erwartet da den Rückpass. Auch der Torhüter. Dieses wiederum erkannte Bechi blitzschnell und schon war der Ball aus spitzem Winkel ins Tor geschnickert. Ein neues Stürmerjuwel besitzt der DHB mit Christopher Zeller. Unglaublich, wie abgeklärt der 18-Jährige (am Sonntag dürfen Sie zum 19. gratulieren) hier sein erstes großes Turnier spielt. Er ist enorm schnell, hat alle technischen Feinheiten drauf (übrigens auch ein Traum, wenn er mit Wesa stundenlange Kopfballspiele mit dem Fußball macht) und ebenso alle Torschuss-Techniken. Und keinerlei Hemmungen. Obwohl sonst wie sein Bruder angenehm höflich und zurückhaltend, traut er sich auf dem Spielfeld alles. Auch bei den Ecken ist er inzwischen eine weitere Alternative, ob auf der Schützen- (oder wie gestern) auf der Ablegerposition zum 2:0. Nach schwächerem Turnierbeginn ist auch der „künftige Spanier“ Witti voll drauf. Er treibt schnell den Ball nach vorn, sichert ihn, bis er einen freien Mitspieler findet und spielt glänzend ab. Oder macht das Tor selbst. Wie gestern, als er ganz frech einen Rückpass vom Schusskreisrand direkt aufs Tor prallen ließ und den englischen Torhüter überraschte. Auch schon fünf Treffer hat er mittlerweile auf seinem Turnierkonto.

Gut, dass sein Zimmergenosse Christian Wein in diesem Moment bei mir erscheint, weil er ins Internet möchte. Denn hätte ich doch fast vergessen. Lag es daran, dass er in den ersten fünf Turnierspielen gar nicht so gut war wie gewohnt. Erst gestern fand er wieder alter Form und morgen, da bin ich ganz sicher, wird er vor einheimischer Kulisse sein erstes Turniertor machen.
A propos Kulisse. Viele fragen, ob die Junx nicht lieber gegen die Holländer gespielt hätten. Ihnen ist es ehrlich egal. Aber die zu erwartende Kulisse mit der bedingungslosen Unterstützung des eigenen Teams ist für alle eher Ansporn. Sie lieben heisse Spiele.

Und da will Hupe morgen wieder mitspielen? Keine leichte Entscheidung für den Bundestrainer. Aber keine Frage, dass Hupe, der heute beim Training unter voller Belastung trainiert hat und keinerlei Beschwerden hatte, morgen dabei sein wird. Schon allein wegen seiner Führungsrolle im Team. Kein Spieler der Welt dirigiert sein Team so hervorragend. Er liest das Spiel und gibt früher als alle die Anweisungen. Und synchron folgen die Mitspieler diesen („von der Seite schieben“ oder „1 gegen 1“), wenn der Druck aller unserer Spieler den Gegner zu Abspielfehlern verleiten soll. Was zu nahezu 100 % gelingt.
Leider nicht dabei sein wird Björn Emmerling, der aber genau wie Hupe in den letzten Tagen engagiert dabei ist. Beide erteilten lautstark Anweisungen von der Tribüne.
Es macht einfach Spaß, bei diesen Junx und ihren immer wieder imponierenden Leistungen ganz nah sein zu dürfen. Schade, dass Sie davon daheim so wenig mitbekommen.

Doch noch Hockey im Fernsehen

Immerhin scheint man sich in den Fernsehanstalten ein wenig zu besinnen. Die ARD schickt nun doch noch morgen Jan Möller (den Reporter der letzten CT in Köln) nach hier, der Berichte für die Tagesthemen, die Sportschau und alle Sportsendungen der 3. Programme herstellen wird. Bernhard Peters, Florian Kunz und Matthias Witthaus sind zudem in die Sendung „Sport im Dritten“ des wdr am Sonntag Abend eingeladen. Auch das ZDF hat sich heute gemeldet. Vielleicht hat das Sportstudio (das doch auch nicht Fußballstudio heißt) ein paar Minuten für die Junx übrig. Es würde doch hervorragend in die Sendezeit passen. Sonst bleibt nur eins: Last minute nach Barcelona. Die Stadt lohnt sich. Und die Junx erst recht.

PS

... und im Übrigen bin ich der Meinung, dass es – 50 Sportarten hin oder her – doch im Interesse der Sender liegen müsste, auch mal eine erfolgreiche Mannschaftssportart im Programm zu haben. Im Programm, mit entsprechender Bindung. Nicht unter „Sport aus aller Welt“.


Bleiben Sie uns verbunden –

HockeyHerzlichst

 

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Foto: © Dieter Reinhardt (info@direvi.de), 1999

EM Padua 1999 - Christoph Eimer und Matthias Witthaus


Foto: © Dieter Reinhardt (info@direvi.de), 1999

EM Padua 1999 - Bundes-trainer war 1999 Paul Lissek, hier mit Christoph Eimer


Foto: © Dieter Reinhardt (info@direvi.de), 1999

EM Padua 1999 - alle noch dabei. V.l. Sascha Reinelt, Björn Emmerling, Dr. Lutz Nordmann, Dr. Michael Green, Björn Michel


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